Manifest der Poesie

Die Poesie ist tot, es lebe die Poesie!

Sobald man sich als neuer Autor ein wenig in die Welt der Literaturwirtschaft eingelesen hat, erfährt man, dass es eines gibt, was man unter allen Umständen bleiben lassen sollte: Einen Gedichtband schreiben.
Die Welt braucht nicht noch mehr davon, denn: es gibt so viele, die Gedichte schreiben und so wenige, die sie lesen. Nicht einmal die, die sie schreiben, lesen sie. Also bis auf ihre eigenen, vielleicht. Aber auch nur vielleicht. Den meisten geht um den Prozess an sich: um das Verfassen von Lyrik, darum also, eigene Gefühle und Gedanken auszudrücken. Wogegen nichts auch nur im Geringsten spricht.
Nur ist diese Art von Lektüre für unbeteiligte Leser im schlimmsten Fall genauso ätzend, wie in einem fremden Tagebuch zu lesen (in einem langweiligen fremden Tagebuch, nicht in einem von der Sorte, in dem dunkle Geheimnisse aufgedeckt werden, sondern in dem es darum geht, was es zuletzt zu Essen gab, wie das Wetter war oder die Niedlichkeit des Nachbarsjungen.)
Und sogar im besten Fall präsentiert sich Lyrik als dichter, schwer zugänglicher Text, für den man sich Zeit nehmen muss. Wenn man sich aber nicht nur dem Strom derer anschließen will, die unwillkommene Werke produzieren, sondern wirklich alles so richtig falsch machen will, dann bringt man einen Lyrikband heraus, der nicht nur Gedichte, sondern diese auch noch in Reimform enthält.
In unserer Zeit bedeutet ein Gedicht mit gereimten Versen das literarische Pendent zu kitschigen Gemälden mit Bergmotiven oder weichgezeichneten Akten.
Ein gereimtes Gedicht wird auf Familienfeiern vom lustigen Onkel scherzhaft vorgetragen. Da gehört es hin. Oder in ein illustriertes Kinderbuch mit Moralanspruch.
Die moderne Lyrik existiert gänzlich ungereimt vor allem als abstrakte Kunst – so wird sie durchaus anerkannt und von einem kleinen Zirkel wertgeschätzt.
Oft ist diese Lyrik wirklich klug gemacht, durchdacht und ziemlich interessant. Manchmal sogar mehr: voller Poesie und traumhaft schöner Bilder.
Doch genauso, wie gereimte Gedichte im schlimmsten Fall tatsächlich zu albernem, naiv-stupiden Tralala verkommen, so kann auch die moderne Lyrik sich in so abgehobene, verkünstelte Ebenen verstricken, sich zu verkopften, intellektuellen Wortgebilden verkrampfen, dass alle Poesie verlorengeht und nichts bleibt außer Irritation.
Und genauso, wie es wunderbare moderne, frei geformte Lyrik gibt, so gibt es fantastische in traditionelle Reimformen gekleidete Lyrik. Natürlich.

Ich weiß das, denn ich, ich lese. Gedichte. Habe sie stets gerne gelesen oder gar auswendig gelernt vor lauter Freude an den schönen Bildern oder dem eleganten Umgang mit gut gewählten Worten. Mich hat oft ein Gedicht dort berührt, wo die unbewusste Seele mit dem klaren Geiste tanzt, etwas, das andere Texte kaum vermögen.
Noch heute geht mir „Der Panther“ von Rilke leicht über die Lippen. Rilke war einer, den ich früh liebte, und wie mit allen ersten Lieben endete auch diese nie so ganz.
Und ja, auch Heine, der König der Romantiker eroberte mein Herz, genauso wie Gottfried Benn. Wie stöhnte damals die gesamte Klasse, als „Astern“ zur Interpretation anstand – nur ich, ich schmeckte mit Genuss die Worte und den Klang.(Wobei ich durchaus akzeptiere, dass es nicht jedermann so geht.)
Und darum schätze ich noch immer den (klug gewählten) Reim: Er ist es, der Gedichten oft ihren speziellen Klang verleiht, der sie von Prosatexten unterscheidet. Nicht umsonst sind Songtexte noch immer meist gereimt – der Reim passt zur Rhythmik, zur Musik. Der Reim lässt das Gedicht, durch die menschliche Stimme zum Tönen gebracht, mehr sein als nur ein Text. Es wird zu einem Lied, in dem allein die Worte Töne sind, es wird zu einem Bild, in dem die Worte Farbe sind. Es wird zu Poesie.
Poesie, die im Leser oder Hörer, farbige Welten entstehen lässt und gefühlte Bilder. Poesie, die er nicht verstehen muss, um sie zu empfinden.
Poesie, die durchaus, wie ich meine, auch mal ein wenig schocken oder stören kann. Ich spreche hier nicht von dem Wunsch nach sonnenuntergangsgetränktem Frieden. Ich spreche hier davon, wie leicht die Poesie zwar zu kitschig flachen Klischees verkommt – aber dass die Poesie an sich etwas sehr Starkes und Schönes ist. Auch wenn sie düster sein darf, böse und ja: trotzig!
Sogar das Herz, das sich auf Schmerz reimt, bleibt ungeschlagen. Sicher, ganz ohne Lächeln kann man es nicht mehr verwenden, aber ich verwende es. Mit Freude.
In meiner Jugend waren Gedichte Spiegel meiner eigenen leidgeplagten Seele, wie es die Jugend nun mal so mit sich bringt – deswegen waren sie auch nur lesenswert für mich. Inzwischen erzähle ich poetische Geschichten, kaum bis gar nicht autobiographisch; bestimmt nicht lesenswert für jedermann, doch gibt es vielleicht immer noch ein paar Geschöpfe, die Poesie in dieser Form zu schätzen wissen.

Ist es nicht allerhöchste Zeit für eine Ära der schicken Neo-Romantik in der Literatur, gewürzt von mir aus mit ein wenig Ironie, da wir inzwischen alle viel zu cool sind, um aus tiefster Inbrunst emotional zu sein?
Bin ich die einzige, die sich nach schummrigen Salons sehnt, in denen Dandys und Damen sich Gedichte lesen, die grüne Fee aus dem Absinth beschwören und bunte Seidenstoffe tragen, prächtig, zerschlissen, barfuß? Wo farbige Laternen einen alten Garten nachts beleuchten, die Hunde frei laufen und jemand ganz versunken tanzt, während ein andrer Piano spielt und noch ein anderer für alle Kaffee in goldgerahmter Kanne kocht?

Meinen Lyrikband „Trotzigschön. Lyrik aus anderswann“ verstehe ich als eine Art Hommage an dieses Lebensgefühl und an die Dichter, die mich lehrten, die Sprache zu lieben als ein Instrument für mehr als nur geschriebene Sätze.
Trotzigschön auch deswegen, weil in einer nüchternen, Intelektuellen Welt, in der die Ästhetik in der Kunst mit Verachtung gestraft wird, ein gewisser Trotz dazugehört, um etwas sinnlich Schönes zu schaffen. Aber das wäre genügend Stoff für eine andere Abhandlung… oder Diskussion.
Für heute bleibe ich beim Thema: Mit diesem kleinen Buch voller Gedichte mache ich also einen Fehler. Aber den mache ich bewusst und voller Überzeugung.
Die Poesie ist tot; es lebe die Poesie!